Traumschiffe der Renaissance - Eine Ausstellung zwischen Status und Ausbeutung

KULTURELLES

Museumsbesuche sind für mich immer ein bisschen wie ein Ausflug ins Wunderland. Man betritt die Ausstellung, fällt ins Kaninchenloch und weiß nicht genau, wo man landet. Natürlich gibt der Titel einer Ausstellung immer einen Hinweis, so auch die aktuelle Sonderausstellung "Traumschiffe der Renaissance - Schiffspokale und Seefahrt um 1600", die im Bayerischen Nationalmuseum in München gezeigt wird.

In den Räumen der Ausstellung steht man einer ganzen Flotte goldener und silberner Schiffspokale aus der Zeit um 1600 gegenüber. Ich muss gestehen, ich habe bis zu diesem Tag noch nie von dem Konzept Schiffspokal gehört.

Damit geht es mir wie vielen der Besucherinnen und Besuchern; man betritt die Ausstellung, sieht die kunstvoll gefertigten Zwei- und Dreimaster aus Silber und Gold, erfährt, dass es sich dabei nicht nur eine besonders aufwändig gefertigte Form der Tischdekoration handelt, sondern dass es sich um Trinkpokale handelt, die man tatsächlich nutzen konnte - und nutzte. Man stellt sich kurz bildlich vor, wie man es bewerkstelligen könnte, aus den Gefäßen wirklich zu trinken, ohne sich mit den goldenen Masten ein Auge auszustechen und scheitert.

Umso faszinierter war ich, als von der Kuratorin der Ausstellung, Frau Dr. Annette Schommers, erfahren habe, dass sich raffinierte Mechaniken in den goldenen Gefäßen befinden, die es ermöglichen, Teile des Decks, die Heck- oder Bugaufbauten abzunehmen.

Gut, könnte man jetzt denken, eine nette kleine Spielerei für die Reichen und Mächtigen der Renaissance. Eine hübsche, wenn auch etwas aufwändige und vor allem teure Tischdekoration - immerhin konnte ein einziger goldener Schiffspokal gut und gerne den Gegenwert eines ganzen Patrizierhauses haben. Und als Trinkgefäß dann doch eher unpraktisch. Aber wer kann sich heutzutage schon in einen Renaissancefürsten hineinversetzen, der seinen Einfluss zur Schau stellen wollte?

Hier könnte der Besuch der Ausstellung zu Ende sein - mit den Eindrücken von wirklich beeindruckenden weil wahnsinnig kunstvoll gefertigten Trinkgefäße, aber ohne tiefergehende Erkenntnis.

 

Aber hier kommt die zweite Bedeutungsebene der Schiffspokale ins Spiel. Denn wie kommt man in Bayern - weit weg von jedem Meer - zum Thema Schiffahrt? Welche Gründe gab es für die Goldschmiede in Augsburg und Nürnberg, Trinkgefäße ausgerechnet in der Form von Segelschiffen zu fertigen?

Dazu muss man wissen, welche Bedeutung solche Schiffe in der Renaissance hatte. Die großen mehrmastigen Segler forderten den Schiffsbauern alles an handwerklichem Können ab, um dann auf den Weg ins Unbekannte geschickt zu werden. Christoph Kolumbus hatte 1492 die ‘Neue Welt’ ‘entdeckt’, um 1600 war die Erkundung der neuen Kontinente längst nicht abgeschlossen. Segelschiffe standen also für die weite Welt und das Versprechen von Abenteuer. Gleichzeitig aber für den beginnen Überseehandel, den Import von Luxusgütern, beispielsweise Gewürzen wie Pfeffer und Muskat.

Viele Händler waren durch diese Geschäfte auf anderen Kontinenten zu Reichtum gekommen - gerade auch in Augsburg und Nürnberg, zwei Städten, die in dieser Zeit enorm vom Überseehandel profitierten. Kurzum: Segelschiffe standen für Macht, Einfluss und Reichtum. Für die beginnende Globalisierung und Kolonialisierung. Hier zeigt sich, die Geschichte der Schifffahrt hat wie jede Episode in der Geschichte zwei Seiten. So steht die Seefahrt in der Renaissance nicht nur für Abenteuer, Macht und Reichtum, sondern auch für die beginnende Ausbeutung und Unterdrückung der indigenen Bevölkerung.

Schiffe in der Renaissance waren also ein Machtinstrument. Man konnte die Welt erkunden, zu Reichtum kommen und im Zweifelsfall auch Krieg führen - wie die fein gearbeiteten Kanonenrohre an einem der Schiffspokale verdeutlichen. Die goldene Miniatur eines großen Schlachtschiffes diente nur zur Unterhaltung der Tischgesellschaft: Aus den Kanonenrohren spritzte der Wein in das Gesicht des durstigen Gastes, der Rest der Gesellschaft konnte sich amüsieren.
In der Realität sorgten die Schlachtschiffe dagegen für weniger Amüsement, vor allem bei den Getroffenen.
So standen sie für die Renaissancefürsten für Macht und Einfluss, für die Indigenen für Unterdrückung, Ausbeutung und Tod.

Zurück ins Bayerische Nationalmuseum: Die Ausstellung lädt dazu ein, ausgehend von goldenen Trinkpokalen den Zeitgeist einer ganzen Epoche zu erforschen. Für mich zeigt sich hier besonders eindrucksvoll, dass Museen nicht langweilig und verstaubt sind. Sie öffnen uns für die Dauer eines Besuchs ein Fenster in die Vergangenheit - je nachdem, welche Frage die Kuratorinnen und Kuratoren an ein Objekt stellen, öffnen sich andere Fenster und man erhascht andere Blickwinkel in die Vergangenheit.

Am Ende will ich nicht vergessen, den Besuch der Ausstellung „Traumschiffe der Renaissance“ im Bayerischen Nationalmuseum in München wärmstens zu empfehlen! Noch bis zum 1. September 2024 kann man sich von der filigranen Handwerkskunst beeindrucken lassen und staunen, wie viel ein einzelner Trinkpokal über eine ganze Epoche verraten kann.

 

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